Vergesslichkeit, Gedächtnis und Arbeitgedächtnistraining

Wäre es nicht schön, wenn wir nicht oder nicht mehr so viel vergessen würden? Wenn wir im Supermarkt immer wüssten, was dringend in den Kühlschrank oder in unsere Vorratskammer müsste? Wenn wir wichtige Termine nicht mehr in den Kalender eintragen müssten, sondern sie einfach im Kopf hätten? Wenn wir auf Anhieb wüssten, wo sich der Kassenzettel unserer Kaffeemaschine befindet, damit wir sie als Garantie- oder Gewährleistungsfall zur Reparatur bringen könnten? Ja, das wäre mit Sicherheit mehr als schön. Aber in der Realität dürfte es bei fast allen von uns anders aussehen. Wie oft „kratzen“ wir uns am Kopf, um tief verborgene Informationen abzurufen? Und in wie vielen Fällen ist dieses Unterfangen erfolgreich?

Leistungsrückgang mit Gedächtnistraining aufhalten

Die Angelegenheit mit der Vergesslichkeit liegt an unserem Arbeitsgedächtnis. Seine Arbeitsleistung ist leider begrenzt. Und Mutter Natur hat – warum und wieso auch immer – sozusagen einen Mechanismus eingebaut, der die Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses bereits zwischen dem 18. und 22. Lebensjahr zurückgehen lässt. Können wir hiergegen etwas tun? Können wir den Leistungsrückgang unseres Arbeitsgedächtnisses mit einem effektiBildschirmfoto 2014-06-19 um 00.07.53ven Gedächtnistraining aufhalten oder ihm sogar entgegenwirken? Einige Ergebnisse von Studien aus der psychologischen Forschung geben hier Grund zur Hoffnung!

Das Gehirn wie einen Muskel trainieren?

Fast jeden Monat erscheinen auf dem Markt neue „Sportarten“, die es ermöglichen sollen, den Körper fit zu halten. Auf einmal wird es „trendy“, anstatt spazieren oder laufen zu gehen, nordic walking (das mit den zwei Stöcken, man könnte es auch als Gehhilfen ansehen! ) zu betreiben. Gymnastikkurse im Fitnessstudio werden durch Trampolinkurse ersetzt. Das selbe Phänomen besteht seit einiger Zeit im Bereich des Gedächtnistrainings. Hier heißt der neueste Trend „Gehirnjogging“. Aber kann das funktionieren? Das Gehirn wie eine Art Muskel anzusehen und es zu trainieren, damit es leistungsfähiger wird? Mit einzelnen Gedächtnisübungen dafür sorgen, dass das gesamte Gehirn besser und effektiver arbeitet?

Welche Aufgabe hat das Arbeitsgedächtnis?

Damit keine Missverständnisse entstehen: Mit Gedächtnis ist hier nicht das Kurz- oder Langzeitgedächtnis gemeint, sondern das Arbeitsgedächtnis. Das Arbeitsgedächtnis ist kein reiner Speicherort (seine Speicherkapazität ist nämlich auf wenige Sekunden begrenzt), sondern es hat eine bzw. mehrere andere Aufgaben. Es nimmt die Reize bzw. Informationen aus der Umwelt auf und verarbeitet sie weiter. Während des Verarbeitungsvorgangs sind die Informationen zwischengespeichert. Um es Ihnen zu veranschaulichen: Sie sehen hier eine Abfolge von fünf Ziffern

3 – 5 – 1 – 9 – 4

Werden Sie nun aufgefordert, sich diese Zahlenabfolge einzuprägen, werden Sie sie in Ihrem Kurzzeitgedächtnis abspeichern. Wenn sich die Aufgabenstellung nun aber ändert und Sie zu der letzten Ziffer die Zahl 2 addieren sollen und dieses Ergebnis in die Ziffernfolge integrieren sollen, wird Ihr Arbeitsgedächtnis aktiv, denn Sie müssen nun nicht einfach abspeichern, sondern zusätzliche Informationen aufnehmen und verarbeiten.

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Ein effektives Training für unser Arbeitsgedächtnis wäre von daher mehr als wünschenswert. Denn nicht nur die Merkfähigkeit hängt von der Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses zusammen, sondern auch andere Faktoren spielen eine Rolle. So wurde bspw. innerhalb der psychologischen Forschung herausgefunden, dass die persönliche Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses mit anderen psychologischen Fertigkeiten in Verbindung steht. Personen, deren Arbeitsgedächtnis effektiv und „erfolgreich“ arbeitet, weisen die Tendenz auf, intelligenter zu sein, erfolgreicher in der Schule zu sein und ein besseres Sprach- und Leseverständnis zu haben. Im Umkehrschluss müsste das heißen, dass sich ein fundiertes Arbeitsgedächtnis-Training auch auf diese Faktoren auswirken müsste.

Anbieter für Gedächtnistraining

Die Auswahl von Gedächtnistrainings auf dem Markt erscheint heutzutage fast unendlich. Die einzelnen Anbieter legen den Fokus auf andere Schwerpunkte und unterscheiden sich in der Art der Durchführung. Während die einen bspw. auf computerbasierte Programme setzen, zählen die anderen auf die altbewährte Papier – und – Stift – Methode. Trotzdem lässt sich die Vielzahl der angebotenen Kurse und Programme in zwei zentrale Trainingsweisen unterscheiden: die Strategietrainings und die Prozesstrainings.

Strategietrainings zielen darauf ab, mit Hilfe von Methoden oder Techniken, die zu Beginn erlernt werden, die Merkfähigkeit zu erhöhen. Die erlernten Techniken werden also dann angewendet, wenn man sich gerade etwas merken möchte oder soll. Strategietrainings benutzen auch die sogenannten Mnemotechniken, von denen Sie mit Sicherheit schon einmal gehört haben. Damit das alles nicht ganz so theoretisch bleibt möchte ich Ihnen in diesem Artikel einige Beispiele liefern.

Eselsbrücken: Gedächtnis-Strategien und Techniken

In den Strategietrainings sollen Assoziationen zwischen Gedächtnisinhalten gebildet werden, um sich Dinge besser einzuprägen. Sicherlich kennen Sie einige Eselsbrücken. Ein Beispiel hierfür sind die Himmelsrichtungen. Um sie nicht zu vertauschen oder nicht in eine falsche Reihenfolge zu bringen, eignet sich folgende Eselsbrücke: Nie Ohne Seife Waschen! Die Anfangsbuchstaben der einzelnen Wörter stehen hierbei für die Himmelsrichtungen Norden – Osten – Süden – Westen, im Uhrzeigersinn. Auch die Planeten unseres Sonnensystems können wir uns mit Hilfe einer Eselsbrücke besser merken. Bitte wundern Sie sich nicht, dass Pluto fehlt. Diesem wurde der Planetenstatus mittlerweile aberkannt. Der wohl bekannteste Merksatz zu unseren Planeten: Mein Vater Erklärt Mir Jeden Sonntag Unseren Nachthimmel! Auch hier stehen die Anfangsbuchstaben für die einzelnen Planeten: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Aber Sie können sich natürlich auch eigene Eselsbrücken ausdenken, um Ihre grauen Zellen auf Trab zu halten. Wie wäre es zum Beispiel mit: Morgens Verspeißt Erika Meistens Jochens Salamibrötchen und Naturquark? Werden Sie ruhig mal ein wenig kreativ…

Solche Strategien können sehr erfolgreich eingesetzt werden. Haben Sie schon einmal von Simon Reinhard gehört? Er konnte sich mit Hilfe von verschiedenen Methoden und Techniken alle 52 Blatt eines gut gemischten Kartenstapels merken – und das in nur 21,9 Sekunden! Fast unglaublich, oder? Eine der Methoden, die er dafür anwendete, war die sogenannte Delphi-Methode. Hierbei wird zunächst eine feste Abfolge von Orten erlernt. Dies könnten bspw. die einzelnen Zimmer des eigenen Hauses sein, oder prägnante Orte auf dem Weg zur Arbeit (eine Bushaltestelle, ein einzelner Baum am Straßenrand etc.). Im zweiten Schritt werden dann die zu merkenden Inhalte mit einem dieser Orte – am besten durch eine lebhafte kleine Geschichte – verknüpft.

Mnemotechniken

Um beim Kartenstapel-Beispiel zu bleiben, könnte das folgendermaßen aussehen: kommen wir gedanklich an „unsere“ Bushaltestelle, haben wir dort ein Werbeplakat aufgehangen. Es zeigt die Spielkarte „Herz Dame“ und darunter steht der Werbeslogan „Sonderausstellung der Herzdamen des letzten Jahrhunderts“. Dann geht die imaginäre Reise weiter, wir kommen an dem einsamen Baum entlang, an dem ein Kreuz hängt, dass neun fleißige Heinzelmännchen dort in einer Nacht- und Nebelaktion aufgehangen haben (Karte: Kreuz 9). Diese Technik kann dann endlos ausgebaut werden. Allerdings haben diese Mnemotechniken auch ihre Grenzen. Schon vor rund 35 Jahren konnte festgestellt werden, dass Menschen ihre Merkfähigkeit von Zahlen durch diese Techniken zwar von sieben auf bis zu 80 Zahlen ausweiten konnten, aber wenn sie sich dann Wörter merken sollten, auch nur durchschnittliche Ergebnisse erreichten. Das zeigt, dass durch diese Mnemotechniken kaum Transfereffekte auf andere Bereiche des Gehirns sichtbar werden.

Top Gehirnjogging Anbieter 2017

Die anderen Ansätze, also prozessbasierte Trainings oder Arbeitsgedächtnistrainings, zielen darauf, die Prozesse im Gehirn durch viele Wiederholungen von Übungen so zu trainieren, dass sie in relevanten Situationen besser und quasi automatisch funktionieren. Hier gibt es eine Vielzahl von Angeboten für Spielekonsolen und auf Internetseiten, die vielversprechende Namen wie „Superhirn“ oder „Memory refresher“ tragen. Die seriösen Angebote, die auf wissenschaftlich fundierten Methoden beruhen, finden sie aber eher bei Anbietern wie Neuronation, Lumosity oder Neuronalfit.

Wissenschaftlich bewiesen: Gehirnjogging bringt etwas

Ein Forscherteam aus Cambridge (Großbritannien) hat mit Hilfe einer Fernsehsendung auf BBC die Effekte von kommerziellen Gehirnjogging-Angeboten getestet. Die Aufgaben ähnelten bekannten „Gehirntrainings“, wie z. B. „Dr. Kawashimas Gehirnjogging“ von Nintendo. Über 11.000 Probandinnen und Probanden trainierten mindestens drei Mal pro Woche für 10 Minuten, über einen Zeitraum von sechs Wochen. Zwar konnten Verbesserungen der Leistungen in den trainierten Aufgaben nachgewiesen werden, aber die Effizienz dieses Trainings war nicht besonders überzeugend.

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Vor und nach der sechswöchigen Trainingsphase wurden den Teilnehmern und Teilnehmerinnen sogenannten Benchmark Tests durchgeführt. Innerhalb dieser Tests wurden Aufgaben verwendet, die für die Probanden und Probandinnen neu waren, aber den trainierten Aufgaben sehr ähnlich waren. Bei der Auswertung der Benchmark Tests wurde deutlich, dass das durchgeführte „Gehirnjogging“ nahe Transfereffekte mit sich brachte. Ferne Transfereffekte (wie bspw. die Abnahme von Vergesslichkeit) konnten allerdings nicht nachgewiesen werden.

In anderen Studien zu prozessbasierten Trainings kam man wiederrum zu dem Ergebnis, dass durchaus markante, nahe Transfereffekte durch das Trainieren von solchen Aufgaben auf das Gedächtnis und zusammenhängende mentale Fähigkeiten zu beobachten sind. Mehr dazu auch in diesem Artikel. Woher aber kommt die Diskrepanz zwischen nahen und fernen Transfereffekten zwischen den Studien? Eine mögliche Erklärung ist die Art der trainierten Aufgaben, die beim englischen Forscherteam eher auf das Abspeichern von Informationen im Kurzzeitgedächtnis zielten, als auf ein Training des Arbeitsgedächtnisses.