Sport macht schlau, Interview

Buchneuerscheinung

Frieder Beck „Sport macht schlau – Mit Hirnforschung zu geistiger und sportlicher Höchstleistung

Interview mit „Sport macht schlau“ – Autor Frieder Beck

Wer ist Frieder Beck?

Seit Jahren trainiert er die deutsche Nationalmannschaft im Ski- Freestyle, arbeitet in der Hirnforschung und lehrt Mathematik und Sport an einem Gymnasium. Frieder Beck hat sich durch seine Tätigkeitsbereiche an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis platziert. Den Kern seiner Erkenntnisse hat er zum Titel seines ersten Buches gemacht. „Sport macht schlau – Mit Gehirnforschung zu geistiger und sportlicher Höchstleistung“ ist im Goldegg Verlag erschienen und fasst praxisnah Erkenntnisse aus Forschung, Hochleistungssport und Pädagogik zusammen.

F: Herr Beck, seit wann und warum beschäftigen Sie sich mit der Wechselwirkung zwischen Sport und mentaler Leistung?

A: Während meines Mathematikstudiums bin ich auf die Thematik der künstlichen neuronalen Netze gestoßen. Diese künstlichen Synapsen am Computer lernen schneller, wenn sie Input von einem weiteren Netzwerk bekommen, das ihnen sagt, ob ihr Output besser oder schlechter war als bisher. Als begeisterter Sportler habe ich mich daraufhin auf die Suche nach einem solchen Trainernetzwerk in unserem Gehirn gemacht . Um die Funktionsweise dieser weitverzweigten Optimierungssysteme in unserem Gehirn zu verstehen und vielleicht das Lernen und vor allem das sportliche Training hiernach entscheidend zu verbessern, musste ich immer tiefer in den Neurowissenschaften graben und die laufend neu eintreffenden Befunde einordnen und kombinieren. Da diese Trainersysteme im Kopf eine zentrale Rolle bei den positiven Effekten von Bewegung und auf unsere geistige Leistung spielen, stieß ich schon recht früh auf die förderliche Wirkung von Sport auf unseren Geist und kam in Kontakt mit Sabine Kubesch, die über die exekutiven Funktionen promovierte und diese in Deutschland bekannt machte. Mit ihr habe ich über Jahre hinweg eng zusammengearbeitet und diese Thematik ließ mich nicht mehr los. In „Sport macht schlau“ habe ich versucht, die unzähligen Forschungsergebnisse in einer leicht verständlichen Zusammenschau dargestellt und kann damit folgende Fragen klären: Wie fördert Bewegung unsere geistige Leistung, wie kann ich schneller lernen und mein sportliches Training optimieren, wie muss die sportliche Betätigung aussehen, damit sie diesen oder jenen positiven Effekt auf unseren Geist besitzt?

F: Was kann man sich unter „Exekutive Funktionen“ vorstellen?

A: Sich länger auf eine bestimmte Sache oder Tätigkeit zu konzentrieren, Ideen im Gedächtnis zu behalten und bearbeiten zu können, kurzfristigen Versuchungen zu widerstehen, um langfristige Ziele zu verfolgen
impulsives Verhalten zu unterdrücken, um situationsgerecht reagieren zu können, sind geistige Leistungen, die für den beruflichen und schulischen Erfolg maßgebend sind. All diejenigen Gehirnfunktionen, die sich auf diese mentalen Prozesse beziehen, werden als exekutive Funktionen bezeichnet. Adele Diamond von der University of British Columbia (CAN) war die Erste, die auf die Bedeutung der exekutiven Funktionen für die Lernleistung hingewiesen hat. Sie nennt drei Hauptfunktionen, Arbeitsgedächtnis, Inhibition (lat. inhibere: unterbinden) und kognitive Flexibilität, deren Zusammenspiel sich als die Fähigkeit zur Selbstregulation zusammenfassen lassen. Diese Fähigkeit ist nicht nur die Grundlage für ein selbstverantwortliches, eigenaktives und selbstwirksames Leben, sondern ebenso unablässig für ein friedliches Zusammenleben in der Gemeinschaft.

F: Die exekutiven Funktionen und ihre Auswirkung auf das Lernen sind aber nur ein Teil dessen, womit Sie bzw. Ihr Buch sich beschäftigen. Welches Potenzial hat Ihre Forschung und Ihre Arbeit für Profi- und Amateursportler?

A: Erfolg in vielen Sportarten beruht darauf, bestimmte Bewegungsabläufe exakt und im richtigen Augenblick aus dem Gedächtnis abrufen und ausführen zu können. Bei Wettkampfsportarten kommt auch noch der Konkurrenzdruck hinzu. Hier spielen nicht nur unsere exekutiven Funktionen eine wichtige Rolle. Sind wir uns bewusst, wie Bewegungslernen in unseren Köpfen funktioniert, wie wir unser Gehirn bestmöglich motivieren, neue Bewegungsabläufe zu lernen und in ihrer Anwendung zu optimieren, ergeben sich signifikante Verbesserungen und Erleichterungen im Erstellen und Ausführen von technischen Trainingseinheiten. Thomas Tuchel beschreibt das im Vorwort von „Sport macht schlau“ mit den Worten: „Der schlauere Fußballer ist nachweislich der bessere“, das bringt es ziemlich genau auf den Punkt.

F: Mit welchen Methoden lässt sich die Wechselwirkung zwischen Bewegung und exekutiven Funktionen erforschen?

A: Die ersten Zusammenhänge zwischen Sport und Geist fand man bei Schülern, als man deren Fitness erhob und – eher zufällig – mit ihren Schulnoten in Zusammenhang stellte. Je fitter die Kinder waren, desto besser waren sie in der Schule. Danach schaute man sich an, wie sich die Schulleistungen veränderten, wenn Kinder oder Jugendliche sich plötzlich regelmäßig sportlich betätigten, die dies zuvor nicht taten. Mittlerweile kann man auf viele altersgerechte Testbatterien zur Erfassung des Niveaus der geistigen Leistung, insbesondere der exekutiven Funktionen zurückgreifen, die für den Erfolg in Schule und Beruf maßgeblich sind. Man erfasst die Leistung in diesen Tests vor und nach unterschiedlicher körperlicher oder geistiger Betätigung – so kann man kurzfristige und langfristige Effekte ausmachen und in Zusammenhang mit unterschiedlichen Bewegungen und unterschiedlicher körperlicher oder geistiger Beanspruchung setzen. Um die Vorgänge beim motorischen Lernen zu erschließen, kann man entweder Menschen oder Tiere eine Bewegung über eine bestimmte Zeit trainieren lassen und die Unterschiede im Gehirn vor und nach dem Üben der Fertigkeit beobachten. Oder man untersucht die Unterschiede zwischen den Gehirnen von sportlichen Meistern und denen von sportlichen Novizen.

F: Gibt es eine Sportart, die besonders positive Auswirkungen auf die exekutiven Funktionen unseres Gehirns hat?

A: Für die förderlichen Effekte auf unseren Geist kommt es in erster Linie nicht auf die angestrebte Disziplin oder Fertigkeit an, die man trainiert, sondern entscheidend ist, wie man diese trainiert. Die positiven Effekte auf die geistige Leistungsfähigkeit hängen von vielen Faktoren ab. Bedeutsam sind hierbei beispielsweise die erreichte Verarbeitungstiefe, die wahrgenommene Freiwilligkeit, die Art der körperlichen Beanspruchung im Training, die Wahrnehmung überraschender Bewegungserfolge, die koordinativen Anforderungen und auch, mit welchen weiteren Sportarten ich meinen Lieblingssport ergänze. Dabei lassen sich durch bestimmte sportliche Tätigkeiten manche Effekte leichter erreichen als bei anderen. Um unseren Geist stark zu beflügeln und eine optimale sportliche Leistung aus sich herauszuholen, heißt es also, schlau zu trainieren. Wie das aussehen kann, ist im Buch an vielen Stellen beschrieben.

F: Gleicht ein Fußballer, den angeblichen Verlust von Gehirnzellen durch einen Kopfball durch die Ausübung des Sportes wieder aus?

A: Ich würde mir nicht anmaßen, hierzu eine konkrete Aussage zu treffen. Ob Kopfbälle beim Fußball tatsächlich zu einem unverhältnismäßig hohen Neuronenverlust führen, ist nicht geklärt. Täglich verlieren wir viele Gehirnzellen und dies ist ein natürlicher Prozess, der uns sogar leistungsfähiger machen kann. Statistisch belegt werden konnte, dass Fußballtraining die individuelle geistige Leistung kurz- und langfristig steigert und dass der erfolgreichere Fußballer über bessere exekutiven Funktionen verfügt. Auch wenn das für uns überraschend erscheint; insbesondere, wenn man an manches Interview der Fußballprofis nach einem Spiel denkt oder bei der WM 2014 sieht, wie ein Spieler seinem gegnerischen Kollegen in die Schulter beißt, aber wie gesagt, das sind statistische Werte, die nicht allein aufgrund von einzelnen Ausbrechern, die viel Medienaufmerksamkeit erhalten, entwertet werden.

F: Wie wenden Sie Ihre Erkenntnisse im Unterricht, im Training oder im alltäglichen Leben an?

A: Die praktische Umsetzung der neuen Erkenntnisse ist sehr spannend. An meiner Schule in Baden- Württemberg, dem Bildungszentrum Weissacher Tal, stellen wir vielfältige Bewegungsangebote innerhalb des Ganztages, aber auch innerhalb der Schulpausen bereit – die von den Schülerinnen und Schülern stark angenommen werden. Im Sportunterricht lassen sich beispielsweise sehr einfach kognitive Anforderungen in beliebte Spielformen integrieren, wie im Buch beschrieben – gerade diese Kombination verspricht sehr hohe Effekte auf die exekutiven Funktionen. Wie auch im Buch skizziert, ist im Gehirn jenes Netzwerk, das unsere Motivation, Begeisterung und Anstrengung vermittelt, gleichzeitig eine zentrale Instanz für Lernen. Geht man als Hirnforscher dem Lernen nach, dann landet man gleichzeitig bei diesen Dreien. Finden alle diese Faktoren zusammen, ist Schule ein Kinderspiel. Somit helfen die jüngsten Einsichten aus der Hirnforschung mir auch in meinem Mathematikunterricht. Manchmal habe ich dabei Schiffbruch erlitten, aber vielfach führt es zu den erwünschten Zielen. Ich habe zudem die Erfahrung gemacht, dass Schülerinnen und Schüler die neurobiologischen Zusammenhänge sehr interessieren. Wie schaffe ich es als Schüler, dieselbe Konzentration, Aufmerksamkeit und Beharrlichkeit in schulrelevanten Bereichen zu erreichen, die ich beispielsweise beim Computerspielen erlebe? Woher hole ich mir die für die Schule so oft benötigte Selbstdisziplin? Wie bringe ich mein Arbeitsgedächtnis schnell auf Maximum?

Meine Athletinnen und Athleten bleiben natürlich auch von der Gehirnforschung nicht verschont. Viele sind auch immer wieder mal in Vorträgen von mir zu Besuch. Gerade der Freestylesport erfordert in Deutschland eine hohe Selbstständigkeit und damit eine hohe Selbstregulation. Da hilft es ungemein, nicht nur die trainingswissenschaftlichen Grundlagen zu kennen, sondern als Sportlerin oder Sportler auch zu wissen, wie das Gehirn Bewegung optimal lernt.

F: Welche Intention verfolgen Sie mit Ihrer Forschung und was hoffen Sie, mit der Veröffentlichung dieses Buches bei den Lesern zu erreichen?

A: Wenn ich es genauer überlege, dann geht es mir wohl um drei Aspekte:

– Dass Sport vernünftig betrieben gesund ist, weiß mittlerweile jeder. Trotzdem können sich viele Menschen nicht mit regelmäßiger Bewegung anfreunden. In der Schule besitzt der Sportunterricht einen geringen Stellenwert und für beruflichen Erfolg spielt er bisher fast keine Rolle. Hier möchte ich auf den doch überraschend hohen Stellenwert von Bewegung für Lebensbereiche darstellen, die viele Menschen nicht mit Sport in Zusammenhang bringen. Zudem möchte ich Menschen Handwerkszeug mitgeben, wie sie leichter ihren inneren Schweinehund überlisten können, um regelmäßig und effektiv Spaß an Bewegung erleben zu können.

– In den letzten Jahren wurde die Hirnforschung immer mehr „in“. Viele Trainerinnen und Trainer, Sportlerinnen und Sportler, Eltern, Ärzte und Sportbegeisterte sprechen mittlerweile über feuernde Neurone, sprießende und sich verändernde Synapsen, Spiegelneurone und dass das Gehirn immer während lernt, was beispielsweise für motorisches Lernen gar nicht stimmt. Die diesbezügliche Forschungslage hat sich in letzter Zeit stark weiterentwickelt und lässt nun konkrete Praxisempfehlungen zu. Wie es auch der Fußballtrainer Thomas Tuchel im Vorwort von „Sport macht schlau“ formuliert, stört jedoch vor allem die Unüberschaubarkeit der Menge an Befunden, die Isolation verschiedener Forschungsrichtungen und die komplizierten fachspezifischen Bezeichnungen einen schnellen und verständlichen Zugang erheblich. Mit dem Buch möchte ich Abhilfe schaffen und den Lesern die vielen faszinierenden Neuigkeiten nahe bringen. Ich zeige verständlich auf, welche Vorgänge in ihren Köpfen ablaufen, wenn sie zum Joggen gehen, den Übersteiger im Fußball erlernen oder den Spaß bei der Bewegung und im Training genießen und wie man aus diesem Wissen heraus das sportliche Trainieren und Üben entscheidend verbessern kann und somit auch den Geist auf die Überholspur schickt.

– Weiterhin erhoffe ich mir, dass das Buch vielen Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern den Zugang zu vielen neuen Themen- und Forschungsfeldern rund um Bewegung und Gehirn eröffnet.

F: Gibt es eine Kurzübung, mit der sich die exekutiven Funktionen besonders gut trainieren lassen?

A: Wer regelmäßig kurze körperliche Übungen zwischendurch absolviert, wird seine exekutiven Funktionen fördern. Bei den Übungen für Zwischendurch ist wichtig, dass diese immer wieder eine Herausforderung darstellen, dass ein vielfältiger Wechsel bei den Übungen stattfindet und immer wieder wechselnde technische, koordinative und körperliche Anforderungen geboten werden. Auf keinen Fall darf der Spaß zu kurz kommen. Das ist auch der Grund, weshalb sich keine allgemeingültige Wunder-Übung angeben lässt. Diese würde bei ausschließlicher Ausführung, schnell keine Effekte mehr erzielen. Es geht also eher um vielfältige Bewegungsprojekte, die man Zwischendurch immer wieder durch kleine Trainingseinheiten angehen kann, und deren Anforderungen mit dem erreichten Leistungsniveau ansteigen. In „Sport macht schlau“ finden sich viele Anregungen und Vorschläge hierzu.

F: Herr Beck, vielen Dank für das anregende Interview?

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