Laufen und Bewegung – Medizin für das Gehirn!

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Marcel Liechti, Gehirntrainer GfG

 

Eine schöne Vorstellung, oder? Anstatt irgendwelche Medikamente mit unzähligen Nebenwirkungen in uns rein zu stopfen, sorgen wir uns einfach für mehr Laufen und Bewegung, damit es unserem Gehirn gut geht – oder wieder besser? Was sich wie eine reine Illusion anhört, ist jedoch ganz nahe an der Realität. Wer nicht mehr laufen kann (zB. Gelenkprobleme) soll alternativ einen Crosswalker oder Hometrainer benutzen.

Es ist bestimmt nichts Neues für Sie, dass ein aktiver Alltag mit möglichst viel Bewegung und regelmäßigen Sporteinheiten äußerst gut für den menschlichen Körper ist. Durch Bewegung bauen wir Muskeln auf, wir verbessern unsere Kondition, wir sorgen dafür, dass unsere Gefäße lange intakt bleiben und dass unser Stoffwechsel ordnungsgemäß stoffwechselt. Außerdem werden beim Sport Glückshormone(Dopamin) ausgeschüttet, die uns gute Laune verschaffen. Zugegeben, dieser Effekt tritt nicht immer ein – zumindest nicht bei mir, denn wenn ich nach einer intensiven Runde Jogging wieder nach Hause komme, bin ich eher durchgeschwitzt und völlig fertig als überglücklich; aber vielleicht ist das auch nur mein momentan persönliches Empfinden oder ich ignoriere meine positiven Gefühle in diesen Momenten einfach. Durch die Glückshormone können sogar depressive Zustände verringert werden und unser Schmerzempfinden sinkt. All diese Dinge reduzieren wiederum das Risiko, an Diabetes oder sogar Krebs zu erkranken. Und an Demenz! Durch die bessere Durchblutung während der Sporteinheit und das Durchlüften des Oberstübchens kann das Gehirn einfach viel effektiver arbeiten. Und die adulte Neurogenese im Hippocampus, also die Neubildung von Nervenzellen im Erwachsenenalter, kann allein durch körperliche Aktivität angekurbelt werden. Soweit so gut. Sport ist gesund. Für den Körper und den Geist.

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bildschirmfoto-2016-11-08-um-22-54-11Aber wie sieht es dann aus, wenn bereits Schäden an den Nerven oder generell im Gehirn vorliegen? Können wir dann durch körperliche Bewegung, hier explizit Laufen bzw. Jogging, diese Schäden wieder „reparieren“? Dieser Frage ging Matias Alvarez-Saavedra aus Ottawa mit seinen Kollegen nach. Hierzu nutzte das Forscherteam Mäuse mit einem genetisch bedingten Defekt im Kleinhirn. Eine Gruppe der Mäuse konnte sich regelmäßig in einem Laufrad bewegen, der anderen Gruppe war diese Möglichkeit verwährt. Die Forscher wollten herausfinden, ob sich die Bewegung auf den Kleinhirndefekt in irgendeiner Art und Weise auswirkt. Der genetische Defekt der Mäuse zeigte sich vor allem in einem taumelnden Gang und einer stark verkürzten Lebenszeit, da die Region des Kleinhirns vor allem für die Koordination der Bewegung zuständig ist. Zuständig für diese Symptome war die fehlende Myelinhülle, die normalerweise die Nervenverbindungen umhüllt und vor Schäden schützt. Ich weiß, die armen Mäuse. Aber bitte entschuldigen Sie mich. Ich habe den Versuch nicht durchgeführt, ich schildere Ihnen hier lediglich die Untersuchung und die Ergebnisse, da sie sich gemäss Wissenschaft auf den Menschen übertragen lassen.

Folgende Beobachtungen konnten die Forscher machen:

  • Trotz der motorischen Einschränkungen nutzten die Mäuse, die die Möglichkeit hatten, oft und      ausdauernd die Laufräder.
  • Die motorischen Schwierigkeiten der Mäuse verbesserten sich zusehends, der Gang wurde sicherer.
  • Die verkürzte Lebensdauer normalisierte sich und die „laufenden Mäuse“ erreichten wie gesunde Artgenossen ein Alter von mehr als einem Jahr.

Da jede Beobachtung bestenfalls einen wissenschaftlichen Beleg mit sich bringen sollte, sezierten die Forscher die Gehirne der bewegungsfreudigen Mäuse. Hierbei kam erstaunliches zu Tage: die Myelinhüllen um die Nervenverbindungen hatten sich teilweise regeneriert! Dadurch war das Gesamtsystem Gehirn wieder mehr im Einklang und konnte wieder besser funktionieren. Leider wurde jedoch auch festgestellt, dass die Regeneration nur so lange anhielt, wie die Mäuse sich regelmäßig im Laufrad bewegten. Bei fehlender Bewegung kehrten die Symptome des genetischen Defekts schnell wieder zurück!

Wie aber lässt sich dieser Regenerationsvorgang erklären? Hierzu wurde die Genaktivität beider Mäusegruppen analysiert und miteinander verglichen. Bei den Mäusen, die stets in Bewegung waren, wurde eine hohe Anzahl des Wachstumsfaktors VEGF in den Gehirnen gefunden. Dieser Wachstumsfaktor ist vor allem für die psychische Stimmung sowie den Hirnstoffwechsel zuständig( VGEF heisst vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor) Und es wird nur ausgeschüttet, wenn der Körper in Bewegung ist. Die Forscher gingen aber noch einen Schritt weiter. In der Hoffnung, dass der Wachstumsfaktor VGEF in einigen Jahren eventuell auch bei den Menschen Heilung verschaffen kann, verabreichten sie diesen den Mäusen, die sich nicht großartig bewegten. Das Ergebnis: Die Symptome des Kleinhirndefekts verbesserten sich im selben Maße wie bei den Mäusen im Laufrad. Aus diesem Grund geht das Forscherteam davon aus, dass bei der „Heilung“ von Hirnschäden der Wachstumsfaktor VGEF eine – nein, die! – zentrale Rolle spielt. Bei vielen neuronalen Erkrankungen, wie der Multiplen Sklerose, ist ebenfalls die Myelinhülle der Nervenzellen beschädigt, sodass man davon ausgehen kann, dass der VGEF auch bei Menschen eine heilende Wirkung haben könnte. Dies gilt es aber in neuen Studien herauszufinden und zu belegen, damit vielleicht in einigen Jahren ein völlig neuer Therapieansatz den therapeutischen Markt erweitern könnte.

Auch ein Team aus Wissenschaftlern der Deutschen Sporthochschule in Köln ist der Frage nachgegangen, wie körperliche Bewegung sich auf die geistige Leistungsfähigkeit auswirkt. Sie kamen zu folgendem Ergebnis: Sport macht schlau!

Und wie kamen sie darauf? Die Untersuchung erfolgte über mehrere Jahre mit insgesamt 120 Probanden. Die meisten von ihnen waren Sportstudenten, denen man von Natur aus eine gute körperliche Verfassung nachsagen kann. Zunächst wurden mit den Probanden unterschiedliche kognitive Tests durchgeführt. Haben Sie z. B. schon einmal vom Turm-von-London-Test gehört? Hier soll die Planungsfähigkeit auf die Probe gestellt werden, in dem die Teilnehmer bunte Kugeln auf entsprechend unterschiedlich lange Stäbe setzen sollen. Natürlich ist die Reihenfolge vorgegeben, es sollen möglichst wenig Züge gemacht werden und das alles in einer möglichst kurzen Zeit. Dieser Test wurde am Laptop durchgeführt.

Nach den kognitiven Tests wurden die Teilnehmer auf den Fahrrad-Ergometer gebeten. Hier sollten sie so lange strampeln, bis sie nicht mehr konnten. Natürlich wurde der Widerstand im Laufe der Zeit immer größer. Völlig aus der Puste mussten die Probanden einen weiteren Kognitionstest absolvieren, welcher ähnliche Aufgaben wie der erste bereithielt. Und auch, wenn man es nicht glauben mag: nach der Bewegungseinheit schnitten die Teilnehmer deutlich besser ab!

Es scheint zunächst seltsam, denn nach einer Sporteinheit müssten wir müde und schlapp sein. Man würde meinen, dass auch die Konzentration „müde“ werden würde und wir nach einer körperlichen Erschöpfung nicht mehr so gut denken können. Deshalb gehen die meisten von uns auch eher nach der Arbeit zum Sport, oder? Um abzuschalten, um sich auszupowern, um gut schlafen können. Eigentlich also, um unser Gehirn herunter zu fahren. Aber weit gefehlt. Allerdings ist der Effekt der Leistungssteigerung noch nicht genau erklärbar. Diesen Effekt ist für Jugendliche, Schüler und Studenten wegweisend!

Die Forscher aus Köln haben jedoch bereits einen Verdächtigen, den es nun weiter zu erforschen gilt: Laktat. Laktat ist eine Milchsäure-Form, die unser Körper dann produziert, wenn wir uns in Bewegung befinden. Die Laktatproduktion steigt mit dem Ausmaß der körperlichen Aktivität. Gehen wir also spazieren, ist die Laktatproduktion eher gering. Spielen wir dagegen zwei Stunden lang Squash und verausgaben uns richtig, läuft die Laktatproduktion auf Hochtouren.

Und warum ist Laktat nun so wichtig? Weil unser Gehirn es braucht, um richtig zu funktionieren. Ob Laktat aber nun wirklich der Hauptverantwortliche für eine gesteigerte Hirnleistung ist, müssen die Wissenschaftler noch herausfinden. Außerdem wäre noch die Frage zu beantworten, wie viel Laktat unser Körper herstellen müsste, damit ein positiver Einfluss auf unser Gehirn erreicht werden kann.

Aber egal, wie Sie es drehen und wenden: Die Ergebnisse der Wissenschaftler aus Ottawa und Köln sind aussagekräftig und viel versprechend! Und da körperliche Bewegung einen gesunden und heilenden Einfluss auf Ihren Körper und Ihren Geist hat, sollten Sie nun Ihre Trainingsschuhe überstreifen und sich auf die Socken machen: Jogging und Bewegung für Ihre Gesundheit!

Nachsatz: Wenn wir uns nach solchen Bewegungseinheiten einer Gehirntrainings-Einheit unterwerfen wirkt das Ganze als Gehirnturbo für geistige Fitness.

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