Gehirntraining: Merkspannentraining wird zu oft vernachlässigt

 

Marcel Liechti, Dipl. Gehirntrainer GfG

Die Schul- und Ausbildungszeit wird oft als geistig anstrengend empfunden; mit Recht. Die Ursache liegt in der starken Beanspruchung der sogenannten Merkspanne. Sobald man es sich im Beruf und Alltag bequem eingerichtet hat, wird diese geistige Leistungsgröße systematisch vernachlässigt. Dadurch mindern sich die Fähigkeiten zu komplexem Denken, zur fluiden Intelligenz und zur individuell hohen Kreativität, schleichend. Gleichzeitig beginnen der geistige Abbau und das Risiko zu psychischen Störungen und Erkrankungen wie Depressionen und Altersdemenzen. Wer geistig fit bleiben will, sollte die Unterforderung der Merkspanne systematisch durch ergänzendes Arbeitsgedächtnistraining vermeiden.

Um eine Verbesserung der Merkspannenkapazität (zu erreichen muss man erkennen, in welchen Situationen und unter welchen Umständen diese wichtige Grundfunktion unserer mentalen Fitness vernachlässigt bleibt. Es sei erinnert, dass die Arbeitsspeicherkapazität sich aus den beiden Leistungsgrössen, Merkspanne und Informationverarbeitungs-Geschwindigkeit=IVG, zusammensetzt. Wir wollen dies an drei Beispielen aufzeigen.

Merkspannenbremse 1: Gemütlichkeit und Genuss des Daseins
Wenn Sie im Bus, in der S-Bahn oder im Zug sitzen, können Sie die Bilder der Straßen, Menschen oder Gebäude und Parks an sich vorüber­ ziehen lassen. Vielleicht werden auch mal kurzfristig die Erinnerung und das Denken angeregt: „Da stand doch soeben ein Mann mit einer Kuh. Was tun denn die mitten in der Stadt?“ Alles nichts Kompliziertes, jedoch merkspannenmäßig ist das eine Unterbelastung. Dies gilt auch für viele stundenlange weitgehend passive Beschäftigungen, wie „Tagträumen“. Wer endlos gemütlich fernsieht, Radio hört, der Musik lauscht, mag sich wohlfühlen, tut in dieser Zeit nichts für die Erhaltung der geistigen Fitness. Im Gegenteil: Sie baut im Hintergrund schon unbemerkt ab.

Merkspannenbremse 2: Routine
Manche Menschen sind ständig aktiv. Sie tun ruhelos etwas, und was sie anpacken, geht schnell, leicht und locker von der Hand. Sie wissen immer gleich, was zu tun ist und setzen es dann rasch und sicher im Beruf und Alltag um. Dies gelingt oft nur wegen der grossen Routine. Handlungen und selbst die Gedanken sind automatisiert. Für sie wird keine große Merkspanne mehr gebraucht. Deshalb wird sie auch nicht angeregt und reduziert sich leider dauernd. Wichtig: Intensive, routinemässige Aktivität bringt für die geistige Fitness „Nichts“!

Merkspannenbremse 3: Belanglose Gespräche, sogenannter „Smalltalk“
Sowohl der kleine Plausch als auch angeregte Gespräche laufen oft weit unter dem Niveau an geistigen Möglichkeiten ab. Vor allem dann, wenn die Anregung hauptsächlich emotionaler Art ist. Beispiele sind belanglose Gespräche im Bus auf der Fahrt zum Stadtzentrum, Smalltalk bei Begrüssungs-Parties oder Zwangsgespräche unter Angestellten und Vorgesetzten beim Warten auf den Zug, Tram, etc.
Das Gehirn ist dabei echt unterfordert, speziell die Merkspanne. Es geht meistens um einfache Sachverhalte. Nichts, was wirklich Denken erfordert. Bei anderen Gesprächen werden vielleicht Erinnerungen angestoßen oder es wird über Neuigkeiten berichtet, über die man nicht lange nachdenken muss, um sie zu verstehen. Oft werden in solchen Gesprächen auch Emotionen angesprochen.

Einfache Gegenmaßnahmen schaffen Abhilfe
Welche Gegenmaßnahmen lassen sich ergreifen, wenn die Merkspanne gerade unterfordert ist? Dazu ist Voraussetzung, dass stundenlanges Dösen oder dauernde Berieselung durch Musik oder Filme mal unterbrochen werden. Entsprechendes gilt für rastlose, aber einfache, routinemäßige Aktivitäten. Während dieser Unterbrechung, auch bei Fahrten in einem öffentlichen Verkehrsmittel, beim Warten oder beim Nichtstun in der Urlaubssonne gibt es Merkspannenübungen, für deren Durchführung weder Stift noch Papier oder sonstige Hilfsmittel benötigt werden.

Merkspannenübung 1: Im Kopf rückwärts buchstabieren

Stellen Sie sich ein beliebiges Wort vor und buchstabieren Sie es rückwärts, also von hinten nach vorne. T A L wird zu L A T. Beginnen Sie mit kurzen Wörtern. Diese können dann immer länger werden. Sie werden bei mehr als fünf oder sechs Buchstaben erleben, dass es deutlich schwieriger wird. Sie müssen mehrfach ansetzen und dabei Zwischenlösungen im Gedächtnis festhalten.
Beispiel: W A S S E R L O C H

Merkspannenübung 2: Im Kopf vorwärts buchstabieren mit Auslassung

Stellen Sie sich ein beliebiges Wort vor, das aus mindestens zwei Silben besteht:
H A M M E R. Lassen Sie jetzt nur im Kopf, jeden zweiten Buchstaben weg. Das Ergebnis ist H M E. Wählen Sie weitere Wörter. Je länger diese sind, umso schwieriger wird es, desto mehr wird die Merkspanne im Arbeitsgedächtnis beansprucht, bzw. trainiert.

Merkspannenübung 3: Im Kopf rückwärts buchstabieren mit Auslassung jedes zweiten Buchstabens

Stellen Sie sich wieder ein beliebiges Wort vor. Es sollte aus mindestens 5 Buchstaben bestehen.
Beispiel: R E C H N E N -> N N C R

Merkspannenübung 4: Im Kopf Buchstaben in alphabetische Ordnung bringen

Beispiel: T U L P E – > E L P T U

Diese Merkspannenübungen sich hoch wirksam!

Tipp: Werden solche Übungen während einem leichten Jogging im sauerstoffreichen Wald praktiziert ist der Nutzen sehr hoch. Man nennt solche Übungen „Dual-Tasking“ Übungen. Betrachten Sie dazu den folgenden Artikel

Wenn Sie regelmässig solche Merkspanneübungen praktizieren werden Sie garantiert Ihre fluide Intelligenz steigern können und dies auch im Alltag spüren. Für kritische Leser empfehlen wir den eine wöchentliche flüssige IQ-Messung.