Die zentrale Exekutive, der Arbeitsgedaechtnis-Koordinator (Update)

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Marcel Liechti, Gehirntrainer GfG

Bitte glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass es nicht meine Absicht ist, Sie zu verwirren. Im letzten Kapitel haben Sie die zentrale Exekutive, den Koordinator unseres Arbeitsgedächtnisses, kennen gelernt. Dies hat allerdings im weitesten Sinne nichts mit unseren exekutiven Funktionen zu tun. Na gut, ein bisschen schon, aber ich möchte Sie bitten, die zentrale Exekutive mal für einen kurzen Moment zu „vergessen“. Ich bin mir sicher, dass dieses Wissen bereits auf dem Weg in Ihr Langzeitgedächtnis ist. Also keine Sorge, Sie können später wieder darauf zugreifen…

 

Unsere exekutiven Funktionen steuern – grob ausgedrückt – unsere Emotionen. Wir brauchen sie, um uns sozial angemessen zu verhalten, um uns in gewissen Situationen „zusammen zu reißen“. Die exekutiven Funktionen werden bereits in der Kindheit ausgebildet und durch den immer wieder kehrenden Gebrauch trainiert und ausgebaut. Zumindest ist das eine Wunschvorstellung, denn gut entwickelte exekutive Funktionen erleichtern den Umgang mit den Mitmenschen wirklich enorm. Aber auch hier gilt: es gibt kein Ende des Lernprozesses, kein wirkliches Ziel. Ziel muss immer sein, dass bestmögliche aus dem Gehirn und den einzelnen Fähigkeiten herauszukitzeln. Vielleicht fällt Ihnen spontan eine Person aus Ihrem Umfeld ein, die Sie manchmal „unmöglich“ finden? Wenn Sie dieses Kapitel gelesen haben, wissen Sie folgendes: auch bei diesen Menschen ist Hopfen und Malz längst nicht verloren!

Die exekutiven Funktionen
Die exekutiven Funktionen benötigen wir im Grunde immer dann, wenn wir unseren inneren Schweinehund überwinden wollen oder müssen. Vielleicht kennen Sie folgende Situation: Sie kommen nach einem anstrengenden Tag nach Hause, sehen das Chaos in der Küche und wüssten, dass Sie eigentlich umgehend den Abwasch erledigen müssten. Ihr Körper schreit jedoch nach einem gemütlichen Abend auf der Couch. Was nun? Genau, der „innere Kampf“ beginnt. Ohne die exekutiven Funktionen würden Sie sich schnurstracks auf das Sofa legen. Aber man ist ja erwachsen, hat gut entwickelte exekutive Funktionen. Also stellt man sich widerwillig in die Küche und erledigt zunächst die lästige Hausarbeit. Zugegeben, das funktioniert auch bei Erwachsenen nicht immer. Wir sind ja schließlich Menschen und keine Maschinen. Aber wir haben gelernt, und sind meist auch in der Lage, persönliche Bedürfnisse hinten an zu stellen und Arbeit auch zu erledigen, obwohl wir überhaupt keine Lust haben. Außerdem haben wir gelernt, uns angemessen zu verhalten, mal ein fieses Kommentar herunter zu schlucken, anstatt es unserem Gegenüber an den Kopf zu werfen, mal der „Klügere“ zu sein und in einer Diskussion nachzugeben und uns bei wichtigen Aufgaben zu disziplinieren. Wir können spontane Impulse unterdrücken, mit Frustrationen sozial angemessen umgehen, wir können Handlungen vorausschauend planen, logisch und lösungsorientiert denken und handeln, uns auf bestimmte Dinge konzentrieren und auch auf unvorhergesehene Situationen angemessen reagieren. Und genau in diesen Momenten, wenn wir uns selbst beherrschen, wenn wir die Haltung bewahren, können wir hierfür unseren exekutiven Funktionen danken. Dieses System ist die Basis für alle Aspekte, die wir benötigen, wenn wir uns selbst regulieren wollen oder müssen. Es hat seinen Sitz im Frontalhirn, dem Teil der grauen Masse, der sich direkt hinter der Stirn befindet. Man könnte sinnbildlich auch sagen, dass unser exekutives System unser „innerer Pilot“ ist. Zwar kann ein Pilot sein Flugzeug auf Autopilot stellen, was auch super funktioniert, solange keine Komplikationen auftreten. Zieht aber ein heftiger Sturm auf oder führt die geplante Flugstrecke durch ein starkes Gewitter, so muss der Pilot in der Lage sein, hierauf vernünftig zu reagieren, um alle Crewmitglieder und Passagiere unversehrt zum Ziel zu bringen. Vielleicht ist er müde und hat keine Lust, einen Umweg von etwa einer halben Stunde zu fliegen, aber für die Sicherheit aller Beteiligten ist es einfach erforderlich. Hierbei muss er aber auch darauf achten, dass der Treibstoff trotzdem noch bis zum Ziel reicht. Der Pilot muss sozial und emotional gut entwickelt sein, um die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen.

Die drei Bausteine des exekutiven Systems

Fig 1   Die drei Teilkomponenten des Exekutiven Systems

Das exekutive System besteht aus drei Bausteinen: dem Arbeitsgedächtnis, der Inhibition (Impulskontrolle) und der kognitiven Flexibilität. Ihre Arbeit teilen sie sich, jedoch meist nicht gleichgewichtig. Während in der einen Situation eher die Leistung des Arbeitsgedächtnisses erforderlich ist, ist es in anderen wichtiger, geistig flexibel zu sein.

 

Über das Arbeitsgedächtnis wissen Sie mittlerweile schon sehr gut Bescheid. Sie wissen, dass unser Arbeitsgedächtnis entscheidet, wie mit einem eingehenden Reiz umgegangen werden soll. Handeln wir? Und wenn ja, wie? Das Arbeitsgedächtnis ist in der Lage, sich sieben bis neun einzelne Elemente zu merken und damit weitere Überlegungen durchzuführen. Wirklich wichtig ist es für mathematisches Verständnis und Sprache.
Stellen Sie sich vor, Sie würden dieses Buch hier lesen und jedes vorherige Wort sofort wieder vergessen. Unser Arbeitsgedächtnis hilft uns unter anderem dabei, dass wir einem ganzen Satz verstehen können. Es merkt sich die ersten Wörter, bis alle Wörter gemeinsam einen Sinn ergeben. Und auch für unsere exekutiven Funktionen brauchen wir das Arbeitsgedächtnis. Wie Sie bereits wissen, gelangt jede Information von außen zunächst ins Arbeitsgedächtnis. Hier wird sie kurz gespeichert, das Arbeitsgedächtnis überlegt, wie es nun mit dieser Information umgehen soll. Hierzu befragt es auch unser Gedächtnis. Bezogen auf die exekutiven Funktionen haben wir alle in der Vergangenheit bestimmte Erfahrungen gesammelt. Sitzen wir mit Bekannten in einer Diskussion und unser Gegenüber erzählt in unseren Augen völligen Schwachsinn, sind wir – meistens – trotzdem in der Lage, ihn erstmal ausreden zu lassen. In unserem Gedächtnis ist also abgespeichert, dass man – sofern man sich sozial angemessen verhalten möchte – andere Personen aussprechen lässt. Das Gedächtnis teilt dem Kurzspeicher diese Erfahrung mit und dieser entscheidet, dass wir mit unserem Kommentar noch ein bisschen warten müssen.
Der zweite Baustein ist die Inhibition, was soviel heißt wie Impulskontrolle. Wahrscheinlich kennen Sie viele Situationen, in denen Sie kurz aufkeimende Impulse sofort im Keim erstickt haben, um sozial angemessen zu bleiben. Wenn Sie z. B. bei Ihrem Chef sind, um diesen um eine Gehaltserhöhung zu bitten, wäre es nicht angebracht, ihn für den äußerst unpassenden Kommentar vom vergangenen Donnerstag zu rügen. Auch, wenn es Ihnen sozusagen auf der Zunge liegt und Sie nichts lieber täten, als Ihrem Chef Ihren Ärger mitzuteilen, sind Sie in der Lage, sich zurückzuhalten. Genau das kann man aber nur, wenn man eine gut ausgebildete innere Inhibition hat.

Fig. 2   Der weltberühmte Marshmallow-Test als Beispiel zur Inhibition

Außerdem zählt zur Inhibition, dass man selbst gesetzte Ziele verfolgt, ohne sich ablenken lassen und dass man abwägt, welche Schritte nun am sinnvollsten wären, um bestimmte Dinge zu schaffen. Das Gegenteil von Inhibition wäre sozusagen ein vollkommen emotionsgesteuertes Verhalten. Oft kennt man das von jungen Menschen, gerade in der Pubertät. Sie sind manchmal nicht in der Lage, ein Bedürfnis aufzuschieben, sie wollen Ihre Pläne mit aller Macht in die Tat umsetzen, egal welche Konsequenzen folgen. Bei einigen reicht es sogar so weit, dass Diskussionen oder Streitigkeiten nicht mit Worten, sondern mit gewalttätigem Verhalten gelöst werden.

Der Marshmallow-Test (Erläuterung)

Generationen von Psychologen haben Vorschulkinder mit dem bekannten Marshmallow-Test traktiert. Die Kleinen mussten vor einer Schale Marshmallows sitzend auf einen Erwachsenen warten und durften die Süßigkeiten nicht antasten, wenn sie später zur Belohnung eine noch größere Portion bekommen wollten. Viele halten das nicht lange durch, aber diese Sekunden oder Minuten sollen schon viel über ihr späteres Leben aussagen: über akademische Leistungen, beruflichen Erfolg, Sozialverhalten, Drogenprobleme. So jedenfalls das Ergebnis der klassischen Experimente des US-Psychologen Walter Mischel und seiner Kollegen zunächst in Trinidad, dann an der Stanford University; und Nachfolgestudien stimmten weitgehend überein. Der Test, so meinte man, erfasst mit der Fähigkeit zum »Belohnungsaufschub« auch die allgemeine Fähigkeit zur Selbstkontrolle.

Die dritte zentrale Funktion unseres exekutiven Systems ist die kognitive Flexibilität. Hier geht es vor allem darum, sich schnell und souverän auf neue Situationen einzustellen, andere Sichtweisen zu akzeptieren und zu verstehen. Auch die Empathie mit den Mitmenschen spielt hier eine entscheidende Rolle. Sind wir sehr eingeengt in unseren Sichtweisen und halten unsere Meinung für die einzig Richtige, erleichtert das den Umgang mit anderen Personen nicht wirklich. Oftmals sind uns Personen, die sich nicht kognitiv auf andere Menschen einlassen können, nahezu unsympathisch. Wir können auch nicht aus Fehlern lernen, wenn wir nicht in der Lage sind, offen für andere Perspektiven zu sein. Denn wenn wir nicht einsehen und verstehen, dass und warum wir einen Fehler gemacht haben, können wir die entsprechenden Verhaltensweisen einfach nicht überdenken und ändern. Die kognitive Flexibilität ist quasi unser Wegweiser. Wenn wir an einer unbekannten Kreuzung stehen, bei der jede Straße eine Handlungsmöglichkeit darstellt, können wir uns auf unsere kognitive Flexibilität verlassen, die uns den „richtigen“ Weg weist. Zumindest meistens.
Wie bereits erwähnt, müssen die drei Bausteine des exekutiven Systems gut zusammen arbeiten, da keiner von Ihnen das Gesamtprodukt „soziales Verhalten“ alleine steuern könnte. Um es etwas besser verständlich zu machen, stellen Sie sich bitte folgende Situation vor:

Sie haben Feierabend und auf dem Weg zur Straßenbahn laufen Sie an einem kleinen Café vorbei, in dem es gerade alkoholische Cocktails zum Sonderpreis gibt. Wie gerne würden Sie sich nun gemütlich in die Sonne setzen, Ihren Lieblings-Cocktail trinken und für einen kurzen Moment das Leben einfach genießen. Ihr Arbeitsgedächtnis allerdings sieht die Sache etwas anders. Es erinnert Sie daran, dass Alkohol nicht die beste Idee ist, da Sie morgen früh wieder fit und wach an der Arbeit erscheinen müssen. Also greift Ihre Inhibition und hilft Ihnen, den Impuls – also den Wunsch nach einem Cocktail – zu unterdrücken. Sie entscheiden sich, lieber nach Hause zu gehen, etwas zu essen und den Abend auf dem Sofa ausklingen zu lassen. In diesem Moment kommt aber Ihr Lieblings-Arbeitskollege ebenfalls an dem Café vorbei. Er fragt, ob sie nicht gemeinsam dem Abend ausklingen lassen möchten. Nun meldet sich Ihre kognitive Flexibilität zu Wort. Zwar werden Sie morgen an der Arbeit eventuell ziemlich müde sein, aber Ihr Gehirn hat in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt zu Ihren Mitmenschen Ihnen gut tut. Also entscheiden Sie sich für einen Cocktail mit dem Kollegen, weil dieser kurze Zeitraum Ihnen persönlich mehr Vorteile bringt und Ihnen die Müdigkeit an der Arbeit weniger wichtig ist.

Es ist also so: Ihr Arbeitsgedächtnis erinnert Sie daran, welche Prioritäten Sie sich gesetzt haben und wie Sie diese einhalten können. Die Inhibition unterstützt das Arbeitsgedächtnis hierbei, um am sozial verträglichen und pflichtbewussten Ziel festzuhalten. Ihre kognitive Flexibilität erlaubt es dann aber, den Weg mal zu verlassen, um sich persönlich etwas Gutes zu tun.

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